„Kartenspiele“ aus Esmantés Jugend

Taucht ein in Esmantés Jugend auf der Silbernen Burg. Ihr kennt Esmanté nicht, die lebenslustige aber auch gefürchtete Schwertmeisterin aus den Tiranorg-Romanen?


»Na los, Brahma. Es sind schon welche gestorben, bist du mit Mischen fertig bist.«
Londo tätschelte meinen Kopf, was ich mit einem Lippenkräuseln quittierte und seine Hand wegschob. Ich war doch kein Säugling mehr. Nein! Hier kniete ich auf der Bank in der Schenke der Silbernen Burg und spielte mit den Freunden meiner Mutter Karten. Gut, noch musste ich mich auf die Bank knien, sonst konnten die anderen die Karten sehen. Aber sicher nicht mehr lange. Sagte Mutter nicht immer, ich würde so schnell wachsen, wie Läuse im Pelz eines Trolls?
Apropos Mutter. Ihr Dienst dauerte noch eine Viertelstunde, Zeit genug den Hohlkopf Brahma abzuzocken und zu verschwinden, denn erwischt werden wollte ich von ihr hier sicher nicht.
»Wirklich Brahma, gib schon. Das macht´s nicht besser. Esmanté hat recht.«
»Na warte, Kleine, wenn du erst so groß bist, dass du ein Schwert heben kannst, gehen wir auf den Turnierplatz und dann sieht die Sache anders aus«, brummte der Riese und hielt die fünf abgewetzten Karten in seinen von Narben überzogenen Händen.
»Und ob ich schon ein Schwert heben kann«, meine Faust sauste auf den Tisch und brachte wenigstens meinen kleinen Becher zum Klirren. Mist! Bei Mutter funktionierte das immer so gut, dass alle Gläser klirrten. Die Krieger um mich herum lachten. Vor allem aber deshalb, weil mein Gesicht rot anlief.
»Siehst aus wie Eillis«, grinste Brahma.
»Lass dich bloß nicht hier erwischen, Liebling«, Freyda, die Gefährtin Londos und Mutters beste Freundin, strich mir liebevoll über den Rücken. Himmel! Hielten mich hier alle für ein Kleinkind? Nur weil ich wusste, wie gern die beiden selbst ein Kind haben wollten, ließ ich es für dieses Mal durchgehen. Außerdem – ich musste mich jetzt konzentrieren. Nicht dass ich noch verlor. In der Mulde in der Mitte des Tisches lag mein derzeitiger Besitz: drei Silbermünzen. Und Brahmas Einsatz: ein ganzes Goldstück. Himmel, was könnte ich mir auf dem Markt alles dafür kaufen!
Mit vielfach geübtem gleichgültigem Gesichtsausdruck studierte ich die Karten. Ja, Easar, der Gott des Glücksspiels meinte es gut mit mir. Zuerst die niedrigste Karte heraus, ja Brahma viel darauf rein, legte doch tatsächlich den Ober vor. Das war meine Chance.
»Ha: König schlägt Ober – da bist du platt, oder? Kein Wunder, weil dein Hirn nämlich genauso klein ist, wie dein Schwanz«, ah, diesen Spruch wollte ich schon lange mal loswerden. Ich hatte ihn auf dem Trainingsplatz bei Mutter gehört und ihr Gegner war daraufhin ziemlich wütend geworden. Freyda verschluckte sich und spuckte Bier auf den Boden. Londo zog dem Tätowierer den Arm weg und bog den Rücken vor Lachen. Auch die übrigen Kämpfer am Tisch lachten lauthals.
Bis eine zornige Stimme dem Ganzen ein Ende bereitete.
»Das darf doch nicht wahr sein! Verfluchte Scheiße noch mal! Wie oft hab ich dir gesagt, du hast hier drinnen nichts zu suchen!«, eine hochgewachsene, gut trainierte Kriegerin bahnte sich einen Weg durch die Bänke. Schubste dort einen Krieger zur Seite, stieg da über ein lang ausgestrecktes Bein.
»Bei Mabons Hörnern, verdammte Scheiße«, blitzschnell rutschte ich von der Bank. Nur Schnelligkeit konnte mich jetzt noch retten.
»Halt sie auf Freyda, bitte«, ein letzter flehentlicher Blick, dann flitzte ich los.
Wobei ich eindeutig im Vorteil war. Kleiner, schneller und so mancher Besucher der Schenke von Grianan Aileach rückte betont langsam zur Seite, als Mutter hinter mir herrannte.
»Es setzt eine Tracht Prügel, wen ich dich erwische«, sie reckte die Faust und beim Schrei trat die Ader an ihrem Hals hervor.
Puh, sie war wirklich stinksauer.
»Lass sie Eilidh. Es ist nichts passiert. Londo war die ganze Zeit da«, beruhigte sie Freyda.
»Ja, ja natürlich, wenn ich Brahma und Lokri sehe, dann weiß ich schon, was los ist«, murrte sie und rieb sich über die Augen.
»Hat mich sauber abgezockt die Kleine«, brummte der Bär und nahm einen tiefen Schluck aus seinem riesigen Trinkhorn. »Sie hat sogar das Gold mitgenommen, verflucht.«
»Geschieht dir ganz recht. Was musst du dich auch mit Kindern einlassen. Verdammt …«, Mutter drängte Londo unsanft zur Seite und ließ sich neben Freyda nieder. Londo streckte dem Tätowierer wieder seinen Arm hin. Ah, der großen Mutter sei Dank, entspannte sich die Lage. Was ich, versteckt hinter einer Kriegerin, die, wie ich wusste, Mutter nicht so gut leiden konnte, gut sehen konnte.
»Lady McLoyd?«, fragend hob Freyda die Augenbrauen.
»Aye«, Eilidh griff nach dem Humpen ihrer Freundin und bediente sich.
»Ich schaff es nicht, Freyda. Sie ist so wild, sie bleibt nicht bei der Erzieherin. Was soll ich nur machen?«
»Und seine Lordschaft Branna?«, fragte Londo und verzog nicht einmal das Gesicht, als sich die Tätowiernadel tief in seinen Oberarm bohrte.
»Der Liebling ihrer Majestät der Herzogin von Ciarrach sieht sich nicht in der Lage ein Kind zu erziehen«, sie nahm einen tiefen Schluck. Dann wischte sie mit dem Ärmel über den Mund und starrte in die Ferne. So traurig hatte ich Mutter lange nicht mehr gesehen. Sofort wollte ich zu ihr, mich auf ihren Schoß kuscheln und den Gesprächen lauschen. So wie immer eben, so war ich aufgewachsen. Ich brauchte meinen Vater nicht.
»Und das vor dem Feldzug ins Steinerne Meer, verflucht!«, ihre Faust donnerte auf den Tisch und ließ das Geschirr tanzen.
»Mach dir keine Sorgen, wir passen auf sie auf. Was hast du eigentlich? Sie entwickelt sich prächtig«, Mira schlendert heran. In einer Hand einen Humpen Bier. Der linke Arm lag um die Taille eines jungen Kriegers, der selig lächelte. Das Veilchen um ihr rechtes Auge glänzte violett.
»Sag ich ihr auch immer«, meinte Idena, die neben Brahma saß. Den rechten Arm hatte sie bandagiert, wobei die vormals weiße Binde nun dunkelgrau aussah. Gleichzeitig lag die linke Hand auf dem Schenkel eines weiteren Kämpfers, der mit seinen Freunden würfelte.
»Aye«, murrte Mutter, »seht euch nur an: saufen, raufen und …«, mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass ich wirklich nicht mehr in der Nähe war, »vögeln«, sie deutete mit dem Kinn auf Mira, die hingebungsvoll mit ihrer neuen Eroberung knutschte.
»Was soll sie lernen? Hä? Sie soll´s mal besser haben als ich, was ist verkehrt daran?«, ein schüchterner junger Krieger stellte vorsichtig einen Humpen vor sie. Treue Hundeaugen blickten zu ihr auf.
Mira, Idena und Freyda feixten, doch Mutter sah es nicht, wieder war ihr Blick in die Ferne geschweift.
Feyda räusperte sich: »Also, so weit ich weiß, war es deine eigene Entscheidung, in den Kriegsdienst einzutreten. Gegen den Willen deiner Mutter – wohlgemerkt«, ihre dichten Augenbrauen hoben sich, als sie Mutter fixierte, bis diese den Kopf senkte.
»Und überhaupt: Ist es wirklich so viel besser, auf der Burg zu sitzen, zu nähen und weiß der Himmel was sie sonst noch machen, den Liedern der Sänger zu lauschen und mit feinem Besteck von feinen Tellern zu essen?«, hielt ihr Mira entgegen, wohl wissend, dass dies alles Sachen waren, die Eillis auf den Tod nicht ausstehen konnte. Deshalb grinsten die anderen auch.
»Wir brauchen ihn nicht – du bist nicht allein«, mischte sich nun Londo mit ruhiger Stimme ein. »Wir helfen dir, eine ordentliche Schwerthand aus Esmanté zu machen. Sie wird nicht wehrlos sein, sollte Scathach uns eine Prüfung schicken. Willst du wirklich, dass sie sich nicht verteidigen kann? Auf andere angewiesen ist, sollten die Orks oder Trolle frech werden?«, gab er ihr zu bedenken.
»Willst du wirklich eine Hofdame aus ihr machen? Ohne Gefühl für Ehre, ohne die Chance auf ein ruhmreiches Leben im Dienst von Scathach?«, sprang nun Idena ein und betastete gleichzeitig den Verband am Arm.
»Ha, Ehre!«, seufzte Eilidh auf, »Das letzte Mal, als sie ein Kleid anziehen sollte, hat sie der armen Dienerin von Lady McLoyd einen Schwinger verpasst, dass die nicht mehr gehen konnte«, brummte Mutter, »und ich musste es ausbaden. Zwei Schichten Extra, verflucht, bei Scathachs Titten und dabei wäre das Fest in der Stadt gewesen«, ihre Faust krachte auf den Tisch und die Humpen klirrten.
Jetzt reichte es aber! Ohne nachzudenken, sprang ich auf und rief: »Das war alles gar nicht wahr! Die Schlampe wollte nur nicht mehr arbeiten, sondern mit dem Scheißtypen aus dem Gefolge des Herzogs von Bèara runmachen.«
Mit einem blitzschnellen Satz hechtete Mutter nach vorne, zerrte mich am Kragen des Wams durch die Reihen und achtete nicht auf die Kämpfer, die lauthals lachten. Ein oder zwei waren wagemutig genug, sie umarmen zu wollen, doch sie stieß sie nur weg.
»Das wird dir noch leidtun«, zischte sie und zog aus.
»Nein, warte! Immer mit der Ruhe«, wie immer zog Londo mich zu sich. Er war der Einzige, der es wagte, Mutter zu unterbrechen, wenn sie so zornig war, wie eben.
Tatsächlich atmete sie tief ein und aus, ohne mich aus den Augen zu lassen. Schließlich setzte sie sich, nahm einen tiefen Schluck und grinste dann.
»Ich hoffe, du hast nicht zugesehen«, feixte sie zu Freyda.
»Was haben die beiden denn gemacht?«, grinste Mira zurück und zwinkerte ihrem Begleiter zu, der bedeutungsvoll die Lippen und damit einen Schnurrbart hob.
»Bäh«, immer noch ekelte es mich, wenn ich daran dachte. »Die ganze Knutscherei und so, einfach widerlich«, ich wischte mit dem Ärmel des Wams über den Mund. »Dann hat er ihr das Mieder aufgemacht und so, irgendwann ist mir das ganze Gestöhne zu viel geworden. Dann bin ich abgehauen, außerdem hatte Jorg beim Bäcker noch Vanillekringel für mich aufgehoben, die wollte ich auf jeden Fall haben«, weil Mutters Freunde alle mehr oder weniger offen lachten, atmete ich auf. Die größte Gefahr war anscheinend vorüber.
»Du warst also auch wieder in der Stadt«, seufzte Eillis, »Verdammt, lieber kämpf ich gegen eine Kohorte Orks, als nur einen Tag auf dich aufzupassen.«
»Na gut«, sie trank aus und sah einer Kämpferin hinterher, die einen dampfenden Teller vorbei trug. »Mal sehen, was es heute zu essen gibt. Komm mit, Spatz, für dich fällt auch was ab.«
Einerseits war es gut, wenn sie mich »Spatz« nannte, denn das hieß, dass die Wut auf mich verraucht war. Andererseits, wenn ich ihr sagte, dass ich heute schon gegessen hatte …
Mira grinste zu Freyda, die mir anscheinend ansah, dass ich keinen Hunger mehr hatte.
»Was ist noch?«, stöhnte Mutter und drehte sich um.
»Ja also«, ich holte tief Luft und suchte mir einen Fluchtweg, nur für den Fall, dass sie wieder zornig wurde.
»Wie heißt der Junge beim Metzger?«, stichelte Idena.
»Pfff, ihr seid wirklich alle blöd«, grummelte ich, nur um nicht zugeben zu müssen, dass Vim, der Sohn des Metzgers wirklich besonders schöne blonde Haare hatte und dass er immer einen Leckerbissen zur Seite legte, für den Fall, dass ich es schaffte, auszubüchsen. Musste ich doch nicht gleich zugeben, oder?
»Mir reicht´s endgültig«, Mutter drehte sich auf dem Absatz um und rief nur noch hinterher: »Wenn ihr sie so lustig findet, bitte. Dann kümmert euch um sie. Ich geh jetzt feiern.«
Selbstredend folgte ihr der junge Krieger mit dem Hundeblick und ich hörte sie sagen: »Wie heißt du noch mal, Süßer?«
Als die Freunde von Mutter sich die Tränen vor Lachen weggewischt hatten, stand Freyda zu meiner grenzenlosen Enttäuschung auf und nahm mich an der Hand: »So, genug Ärger gemacht für heute, du Quälgeist. Wir gehen schlafen.«
»Und Mutter?«, wandte ich unschuldig ein, »soll ich nicht hier auf sie warten?«
»Nein, Kleines, sie hat für heute genug von dir. Ab und zu solltest du ihr ein bisschen Spaß gönnen. Du schläfst bei uns. Mein Dienst morgen beginnt erst Mittag. Da ist noch genug Zeit, mir den süßen Jorg vom Bäcker zu zeigen«, flötete sie.
Mira und Idena grinsten zurück. Sie drückte Londo einen Kuss auf die Lippen und begutachtete das halb fertige Bild eines lanzenschwingenden Orkweibchens, das den linken Oberarm zierte, winkte den anderen und schon fiel die Tür der Schenke hinter uns zu.
»Ist sie wirklich so sauer auf mich?«, fragte ich schließlich, als wir das Tor zur Oberen Burganlage passierten.
»Nein, sie macht sich Sorgen. Du machst es ihr auch nicht gerade einfach, weißt du? Was ist schon so schlimm daran, nur ein paar Tage lang, mal bei der Lady zu bleiben?«, wollte sie wissen.
»Pff, es ist saulangweilig, nichts passiert. Sie quatschen, kichern ohne jeden Grund, so als hätte ihnen ein Troll eins mit der Keule übergezogen. Bitte Freyda, leg ein gutes Wort für mich ein. Ich will nicht mehr dort hingehen.«
»Was sagt deine Mutter immer?«, Freyda stieß mit dem Fuß die knarzende Tür zur Kammer auf. Muffige Luft schlug mir entgegen, der Geruch nach altem Stroh und ungewaschener Kleidung.
»Also?«
Weil ich schon öfter bei ihnen geschlafen hatte, wandte ich mich nach links. Im Eck lag ein dritter Strohsack, der für heute meine Schlafstätte sein würde.
»Ja, ja ich weiß. Die Familie d`Elestre gehört zu den ältesten Elfengeschlechtern von Tiranorg. Deshalb gebührt mir ein Platz im Gefolge der Königin«, murrte ich und ließ mich fallen. Sofort stoben mehrere Kakerlaken und zwei Spinnen unter dem Strohsack hervor, die ich gekonnt mit dem Fuß zertrat.
»Da siehst du«, triumphierend drehte sich Freyda zu mir.
Aber auch ich gab noch nicht auf: »Außerdem war noch jede weibliche d`Elestre eine sehr gute Schwertkämpferin«, hielt ich Freyda entgegen, die gerade eine halb heruntergebrannte Kerze entzündete. »Soll ich vielleicht auf Akrya verzichten?«
Das war mein letzter und bester Trumpf, jedes Mal, wenn ich mit Mutter über das Thema stritt. Es war selbstverständlich für mich, dass auch ich irgendwann das berühmte Schwert unserer Familie tragen würde. Auch wenn ich hoffte, dieser Tag würde noch sehr lange auf sich warten lassen. Hieß es doch, dass Mutter im Kampf gefallen war.
»Du bist einfach unmöglich, Esmanté«, seufzte Freyda und schlüpfte aus dem Wams.
»Jetzt leg dich schlafen, morgen ist ein neuer Tag, um Scathach zu dienen.«


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