„Die Wilde Jagd“ aus Esmantés Jugend

Taucht ein in Esmantés Jugend auf der Silbernen Burg. Ihr kennt Esmanté nicht, die lebenslustige aber auch gefürchtete Schwertmeisterin aus den Tiranorg-Romanen?


Geschirr klapperte, Würfel klackerten, die Gespräche traten in den Hintergrund. Die Wärme machte mich schläfrig. Den ganzen Tag war ich in der Stadt mit meinen Freunden unterwegs gewesen, hatte es gerade noch so durch das große Tor in den unteren Burghof geschafft. Jetzt saß ich auf einer Bank in der Schenke an Idena gekuschelt, Miras und Mutters engste Kampfgefährtin. Satt und zufrieden. Die Augen fielen mir zu. In diesen Momenten störte es mich nicht, dass Mutter schon einige Zeit fort war.
»Na, Sven. Keine Geschichte auf Lager?«, hörte ich Londo neben mir.
»Bring mir einen Humpen mit frischem Bier, und ich erzähl euch von den Schrecken des Winterfeldzuges vor …«, die Stimme stockte, die Bank ächzte unter einem neuen massigen Gewicht, »… vor 500 Jahren. Solche Weicheier wie ihr wären schon in den ersten Wochen erfroren. Noch heute höre ich einige schreien, die sich die Höhlenbären geholt haben. Und dann erst die Wilde Jagd!«
Die Bank bog sich durch. Ich musste die schweren Augen nicht öffnen, um zu wissen, wer sich zu uns setzte. Sven gehörte zu den ältesten und verdientesten Kämpen auf der Silbernen Burg. Keine Ahnung, wie alt er war, aber er wog sicherlich mehr als 300 Pfund. Jeder nannten ihn nur den »den fetten Sven«.
»Erzähl was anderes«, ermahnte Idena und zog mich näher zu sich heran. »Solange die Kleine hier ist.«
»Kinder zu verhätscheln bringt nichts«, dröhnte Sven, der selbst keine Kinder hatte, und lachte. Die Bank ächzte unter dem Gewicht. Ich setzte mich auf und blinzelte. Der Großen Mutter sei Dank saßen zwischen ihm und mir einige Kämpfer, denn der Alte war mir unheimlich.
Jemand stellte einen frisch gefüllten Humpen vor Sven. Sofort schlossen sich fleischige, vernarbte Finger um den Griff. Er hob den Krug an und trank in einem langen Zug. Danach wischte er mit einem Tuch, das er aus der Tasche zog, über den zottigen, grauen Bart. Er bemerkte, wie ich ihn verstohlen musterte und hob die Hand. Ich zuckte zusammen. Es stimmte, was man sich erzählte. Drei Finger fehlten.
»Sind abgefroren, im eisigen Wind des Steinernen Meeres«, raunte er, während er sich vorbeugte, um mich besser sehen zu können. »Und vier Zehen – sie waren kohlrabenschwarz und stanken furchtbar.«
»Sven, hör auf damit, kleine Mädchen zu ängstigen!«, protestierte Idena.
»Ich bin nicht klein!«, begehrte ich auf.
»Aye, Esmanté ist schon 10 Jahre alt – und der Schrecken der Gassen von Grianan Aileach!«, lachte Londo.
»Sag ich doch!«, Svens rechter Zeigefinger stach durch die Luft, in meine Richtung. »Die ist bald bei den Kämpfen dabei. Ist besser, sie hört es rechtzeitig von mir. Wie wichtig es ist, ein gutes Pferd zu haben, an dem du dich wärmen kannst. Stiefel aus Trollleder, die jeder Nässe standhalten. Umhänge, gefüttert mit Bärenfell. Aber das hilft dir alles nichts, wenn es einer jener Nächte ist, in denen die Wilde Jagd umgeht.«
Die Gespräche erstarben. Erstaunt sah ich mich um. Nicht wenige Krieger starrten in ihre Krüge. Mancher Blick glitt in die Ferne.
»Master Brack sagt, die Wilde Jagd gibt es nicht!«, begehrte ich auf. Denn der alte Waffenschmied hatte mir eine gehörige Standpauke gehalten, als ich ihn danach gefragt hatte.
»Pah, Brack!«, Svens fleischige Hand wedelte in der Luft herum, als wollte er eine lästige Fliege loswerden. »Der war nicht im Steinernen Meer dabei, kurz vor Alban Arthuan. Die Tage sind verflucht kurz um diese Zeit, und die Nächte so lang, dass du denkst, es wird nie wieder hell. Die Kälte frisst an deinen Händen, beißt in dein Gesicht.« Er plusterte die Wangen auf, seine wässrigen blauen Augen stierten mich an. »Und wenn du glaubst, es könnte nicht schlimmer kommen, hörst du sie. Ein Lärm wie von einem riesigen Heer. Angeführt von Arwon und den Cenwen, den wilden Hunden aus der Anderswelt. Aber nicht Arwon treibt den Tross an, oh nein!« Sven sog tief die Luft ein, ließ sie geräuschvoll durch den Mund entweichen, die Barthaare zitterten. Er schüttelte den Kopf. »Wenn du sie siehst, ist alles verloren – Martynas.«
»Der Nachtfluch«, flüsterten einige Kämpfer.
»Aye, der Nachtfluch, so nennt man sie. Sie ist die hässlichste und fürchterlichste Hexe, die jemals gelebt hat. Jeder, der das Pech hat, sie zu schauen, wird einfach mitgezogen. Deshalb ist der ganze Geisterzug erfüllt von Schreien, Stöhnen und Ächzen. Da sind Kinder in Ketten, Frauen in zerrissenen Gewändern, sogar Zwerge hab ich gesehen. Sie jammern und bitten um Erlösung – aber Martynas kennt kein Erbarmen. Der Sturmwind ist ihr Gefährte, der Schnee ihre Bettdecke – flieh, wenn du kannst! Denn sonst ist dein Leben verwirkt!«

Ein kollektives Raunen ging durch die Bank.
»Es war in Carnedds, wo ich ihnen gerade noch entkam. War deine Mutter nicht neulich in dieser Gegend? Wo ist sie eigentlich?« Als sich Svens massiger Leib auf der Suche nach Mutter unvermutet drehte, hätte er beinahe die Kämpferin neben sich umgerissen.
»Sie ist noch nicht zurück!«, zischte Idena. Es war seltsam, dass sie so aufgebracht war. Normalerweise kannte ich sie ruhig und besonnen.
»Sie ist doch mindestens schon 3 Wochen weg. Und das Wetter schlägt um – ich fühl’s in meinen alten Knochen. Schnee kommt und Sturm. Na wenn sie’s jetzt noch nicht aus den Bergen zurückgeschafft hat, wirds eng.«
»Esmanté, wir gehen jetzt, es ist spät!«, Idena rumpelte hoch, wollte mich tatsächlich aufheben wie ein Kleinkind.
»Nein!« Ich strampelte mich frei.
Mir war in letzter Zeit aufgefallen, dass sich die Freunde meiner Mutter ab und zu seltsam verhielten. Londo war bereits zwei Mal mit mir zu Scathachs Statue vor der Stadt gegangen, um die Raben, ihre Lieblinge, zu füttern und zu beten. Mira hatte mir gestern über den Kopf gestrichen, mit einem komischen Ausdruck auf dem Gesicht.
»Mutter kommt bald. Wir werden Alban Arthuan in unserem Haus feiern. Am Kristallsee. Mit Valdark und den Nixen! Sie hat es mir versprochen!«, ich stampfte mit dem Fuß auf.
»Und sie hält ihre Versprechen. Komm, in meiner Kammer liegen Süßigkeiten vom Markt«, lockte mich Idena.
Sven starrte schweigend in den Humpen. Ich wurde das komische Gefühl nicht los, dass er mir etwas verschwieg. Energisch schüttelte ich Idenas Hand ab und sauste um den Tisch herum, um mich vor Sven aufzubauen. Ich reichte ihm nicht einmal bis zur Brust.
»Mutter ist die beste Kämpferin in ganz Tiranorg. So ein bisschen Schnee hält sie sicher nicht auf!«
Er sah hoch. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück. In diesen hellblauen Augen lag die Erfahrung so vieler Jahrhunderte. Doch das trat in den Hintergrund. Was ich sah, machte mir mehr Angst, als jedes Wort es gekonnt hätte – Mitleid. Der alte Kämpe sah mich mitleidig an.
»Gibt keinen Grund, dich anzulügen, Mädchen. In dieser Jahreszeit macht die Wilde Jagd die Gegend unsicher. Die schöne Eillis muss sich beeilen. Der Wind hat aufgefrischt, die Wege vom Endpass herunter sind sicher bereits zugeschneit. Geh vor die Tür und du wirst sehen, dass draußen alles weiß ist. Sie hätte ein paar von uns mitnehmen sollen, aber sie wollte alleine reiten. Stur wie sie ist. Es bleibt nur, abzuwarten. Mehr kannst du nicht tun. Wir alle sind in Scathachs Hand.« Damit drehte er sich weg, hob den Humpen und setzte an.
»Komm jetzt mit, Esmanté. Es wird Zeit!« Dem bestimmenden Ton in Idenas Stimme konnte ich mich nicht widersetzen. Außerdem fühlte ich mich klein und schwach. Meine Beine zitterten. Von selbst bebten meine Lippen. Tränen schossen mir in die Augen, ein dicker Kloß im Hals erschwerte mir das Atmen. Mit einem Mal bemerkte ich die Blicke vieler Kämpfer. Bei den Nornen! Ich würde hier nicht flennen. Entschlossen schluckte ich ein paar Mal, drängte mit aller Macht die Tränen zurück.
»Ich glaube dir nicht!«, raunzte ich den Alten an, bevor ich mich wegdrehte und Idena hinterherging. Als sie die Tür öffnete, wehte eisiger Wind herein. Schneeflocken tanzten mir ins Gesicht. Missmutig trat ich nach draußen und wäre fast ausgerutscht. Der Boden war gefroren. Mein Herz wurde schwer. Hatte Sven recht? Würde Mutter es nicht schaffen?
»Eillis wusste genau, was sie tat. Und du wirst sehen, schon bald ist sie zurück«, Idena nahm mich an der Hand. Zusammen marschierten wir zu den Quartieren. Fröstelnd zog ich den Umhang enger. Bei dieser Kälte war Mutter alleine unterwegs? Furcht bohrte sich in mein Herz. Da fiel mir etwas ein.
»Auf der Strecke, die Mutter nimmt, gibt es da Tavernen?« Meine Stimme klang piepsig.
Idena atmete tief durch, sperrte ihre Kammer auf. Sie zündete die zwei Kerzen an, die auf der einzigen Kommode standen. Erst dann wandte sie sich mir zu. Waren das Tränen in ihren Augen?
»Nein, Liebes, die gibt es nicht. Sie hat eine dringende Geheimbotschaft an einen der Clanführer der Bergelfen überbracht. Da sie das schon einmal gemacht hat, kennt man sie dort und vertraut ihr. Deshalb wollte sie niemanden mitnehmen. In einem hat der fette Sven recht. Der Weg vom Endpass herunter ist steil und gefährlich. Aber ich bin sicher, sie ist mittlerweile auf dem Rückweg. Wahrscheinlich sitzt sie gerade jetzt am Feuer und denkt an dich. Also kuschelst du dich jetzt unter die Decke und sprichst ein Gebet an Scathach. Das ist das Beste, was wir nun tun können, ja?«
»Ist gut«, wisperte ich und begann zu beten.

 

Am nächsten Tag holte mich Londo ab. Er hatte mir vor Kurzem ein Holzschwert geschnitzt, mit dem wir ab und zu übten. Mittags gab es Linseneintopf in der Schenke. Allen Nornen sei Dank war von Sven weit und breit nichts zu sehen. Gerade putzte ich mit der Brotkante die Schale aus, da stürmte der Stalljunge herein. Sein Wams war weiß von Schnee, von seiner Kapuze tropfte Eis.
»Ich soll die kleine d`Elestre holen!«, rief er.
Londo drehte sich stirnrunzelnd um.
»Hier bin ich!«, winkend stand ich auf.
»Die Wachen haben Blakkur gebracht. Er führt sich auf wie wild. Du sollst uns helfen, ihn zu beruhigen!«
»Mutter!«, war alles, was ich denken konnte.
Sie war zurück! Vor Erleichterung hätte ich am liebsten laut geschrien. Ich hörte nicht auf Londo, achtete nicht auf den Stalljungen, flitzte einfach los. Zur Tür hinaus. Rutschte auf dem glatten Pflaster aus, schlitterte über den eisigen Boden, rempelte einige Leute an, entschuldigte mich und hetzte weiter. Ich kam als Erste beim Stall an. Drängelte mich durch ein paar Schaulustige. Was gab es hier zu gaffen?
Blakkur hieß nicht umsonst so – er war ein schwarzer Rappe. Groß, stolz und eigensinnig.
Deshalb passt er so gut zu deiner Mutter, hatte Londo einmal im Spaß gesagt. Im Moment sah das Tier jedoch aus, als wäre es wahnsinnig geworden. Blakkur stieg laut wiehernd in die Höhe. Seine Augen rollten in den Höhlen, nur noch das Weiße war zu sehen. Schaum stand vor seinem Maul. An der Seite war er verletzt, irgendetwas hatte ihm das Fell mit drei tiefen Schrammen aufgerissen. Vergeblich hielt ich nach Mutter Ausschau.
»Das ist nicht gut. Er ist gesattelt«, hörte ich eine Kämpferin neben mir. Sie deutete auf den Hengst. Tatsächlich! Sogar die Schlafrolle war noch befestigt.
»Sie ist von Trollen überrascht worden«, erklärte ihr Begleiter mit wichtiger Miene. Sein säuberlich gestutzter Bart wies auf die Verletzung des Pferdes. »Wenn sie bei dem Wetter irgendwo draußen verletzt liegt, hat sie keine Chance.«
Die Worte hallten in mir nach, so als wäre mein Kopf total leer. Nur eines begriff ich: Mutter war immer noch unterwegs. Im Schnee. Allein.
Wie von selbst steuerten meine Beine auf den Hengst zu.
»Sch, sch … Liebling. Alles ist gut«, versuchte ich, Mutters Stimme nachzuahmen. Die Nüstern blähten sich auf. Seine Ohren drehten sich. »Du bist hier, bei mir, ruhig …«
Ich kramte in meiner Tasche, stieß auf ein paar Stücke Zucker und hielt es dem Hengst in der ausgestreckten Hand entgegen. Er schüttelte sich. Schnee fiel vom Sattel und dem Fell ab. Ich ging näher.
»Vorsicht, Esmanté!«, rief Londo. Doch es interessierte mich nicht. Blakkur immer fest im Blick, trat ich auf den Rappen zu. Mit Entsetzen erkannte ich, dass der Sattel voller dunkelbrauner Flecken war – durchsetzt von grünen Spritzern. Der Kerl hatte recht gehabt. Mutter hatte gegen einen oder mehrere Trolle gekämpft. Die Biester hatten sie verletzt, und sie hatte geblutet. Andererseits hatte auch sie einen verletzt, sonst gäbe es keine grünen Spritzer.
Allmählich beruhigte sich Blakkur. Er schnupperte an mir. Vielleicht roch ich ähnlich wie Mutter, denn er schnaubte ein paar Mal, dann nahm er gnädig den Zucker an und ließ sich kraulen.
»Siehst du, alles gut«, murmelte ich und vergrub mein Gesicht im Fell an seinem Hals.
Doch als der Stallmeister nach den Zügeln greifen wollte, wieherte Blakkur erneut, und wich zurück. Tänzelte nervös herum. Die Schaulustigen rückten ein Stück ab.
»Setz dich in den Sattel, vielleicht denkt er dann, du bist Eillis«, riet Londo. »Dann führ ich dich.«
Also ließ ich mir vom Stallmeister in den Sattel helfen. Bis zum Widerrist maß Blakkur sicher zehn Ellen. Etwas klamm sah ich auf Londo hinunter. Andererseits schien es Blakkur tatsächlich zu beruhigen, dass ich im Sattel saß. Er stand nun still, atmete ruhiger.
In dem Augenblick jedoch, als Londo nach den Zügeln greifen wollte, stieg Blakkur ohne Vorwarnung hoch. Panisch klammerte ich mich am Sattelknauf fest. Der Rappe wieherte laut. Die Schaulustigen schrien auf, jeder wich zurück. Die Rufe der Leute ängstigten das Tier noch mehr. Blakkur schlug nach hinten aus. Drehte sich herum und galoppierte los. Elfen sprangen angsterfüllt beiseite. Rasch passierten wir das Burgtor zur Stadt. Die Umgebung verschwamm zu einer rasend schnellen Abfolge von Häusern und Gassen. Wohl wegen des schlechten Wetters waren glücklicherweise nicht viele Leute in der Stadt unterwegs. Schon kam das Stadttor auf mich zu. Die Wachen überlegten kurz, sich dem Rappen in den Weg zu stellen und sprangen jedoch im letzten Augenblick zur Seite. Die Hufe trommelten auf die Zugbrücke. Jetzt erreichten wir die Ahornallee. Der Wind brauste in meinen Ohren, Eiskristalle stachen mir in die Augen. Eisige Kälte hielt mich gefangen. Denn ich saß nur mit dem Wams im Sattel. Hatte keinen wärmenden Umhang mit einer Kapuze.
Die kahlen Ahornbäume flogen nur so an mir vorbei. Rasch wurde der Weg breiter. Da kam eine Kutsche in Sicht. Sofort zog ich an den Zügeln. Blakkur wieherte, machte einen großen Satz zur Seite. Die Kutsche ratterte an mir vorüber. Der Kutscher schrie mir etwas nach, das ich wegen des Windes nicht verstand, denn der Rappe galoppierte weiter.
Wir hatten die Heerstraße verlassen, so viel stand fest. Kahle Büsche wechselten sich mit Birken ab. Über manche Felsbrocken sprang Blakkur einfach hinweg.
Keine Ahnung, wie lange der Hengst so dahin preschte. Tief hängende Wolken erschwerten jede Sicht auf die Sonne, Schnee rieselte ununterbrochen herunter. Allmählich bemerkte ich, wie der Hengst müde wurde. Sorgsam lockerte ich meine rechte Hand, die festgefroren schien. Zügelte ihn vorsichtig. Nach und nach wurde Blakkur langsamer. Zitternd rückte ich das Wams zurück. Hier draußen spürte ich den Wind viel stärker als in den schützenden Mauern der Stadt. Wo waren wir? Um mich herum nur dunkle, vom Schnee feuchte, kahle Baumstämme. Felsblöcke und ab und zu Dornengestrüpp. Mein Herz begann, einen wilden Tanz aufzuführen.
Die Sicht verschlechterte sich mit jedem Atemzug. Das Schneetreiben wurde dichter. Blakkur schüttelte sich, um den Schnee loszuwerden und ich hatte zu tun, im Sattel zu bleiben. Sollte auch ich vom Pferd fallen, war es um mich geschehen. Ich horchte. Heulte der Wind oder waren das Wölfe? Jetzt knackten Zweige!
Die Erzählung vom fetten Sven kam mir wieder in den Sinn. Die Wilde Jagd – so ein ausgemachter Blödsinn!
Viel wichtiger war, wo ich mich befand, wie ich heimkam – oder sollte ich die Chance nutzen und nach Mutter suchen? Aber wo sollte ich anfangen? Ich wendete den Hengst. Jetzt ließ er es widerstandslos geschehen, trabte schnaubend an. In der Ferne glaubte ich, einzelne Lichter auszumachen. Dort musste Grianan Aileach sein, die Burg. Dampf stieg von Blakkurs Fell auf, vermischte sich mit dem Dunst aus seinem Maul. Jedes Mal, wenn ich ausatmete, stand eine Nebelwolke vor meinem Gesicht. Unvermittelt blieb Blakkur stehen, richtete seine Ohren auf. Was hatte er gehört? Ich selbst hielt den Atem an, lauschte. Doch außer dem Wind, der in den Bäumen rauschte, hörte ich nichts.
Nicht erst jetzt hatte ich das Gefühl, im Sattel festzufrieren. Sicher trug ich warme Stiefel, aber sonst nur das Wams. Ein Schauder schüttelte mich. Zeit, heimzukehren. Also gab ich Blakkur mit den Schenkeln zu verstehen, er solle weitergehen. Ein ärgerliches Brummen war die einzige Antwort. Der Hengst stand starr wie eine Statue, die Ohren spielten im stetig dichter werdenden Schneegestöber. Aus heiterem Himmel trabte er wieder an, dieses Mal jedoch in die entgegengesetzte Richtung, immer weiter hinein in die Finsternis!
»Nein, lass uns umkehren, bitte, Blakkur. Wir werden erfrieren«, ich zog an den Zügeln. Der Hengst schüttelte sich nur.
Mittlerweile war der graue Tag einem diffusen Dämmerlicht gewichen. Es war noch nicht richtig dunkel, die Schneedecke des Bodens erhellte die Umgebung ein wenig. Das Waldstück lichtete sich. Jetzt sah ich, wie schnell die Wolken am Himmel zogen. Der Wind zerrte an mir. Mit einem Mal öffnete sich eine Lücke zwischen den Wolkengebirgen und der Vollmond ergoss sein Licht über das Land. Ich blinzelte, wischte die kalten Flocken aus dem Gesicht – und stutzte. War dort vorne ein winziges Feuer? Flackernd hielt es gerade so dem Wind stand. Jetzt gab es für Blakkur kein Halten mehr. Er wieherte freudig und trabte erneut los. Im Schein des Mondes bemerkte ich, dass das Land vor uns anstieg und weiter oben der Wald sich ausbreitete. In diesem Augenblick beschloss Dagda, er hätte uns genug geholfen und schob eine dicke Wolke vor den Mond. Dunkelheit verschluckte mich. Erschrocken horchte ich, heulten da Wölfe? Blakkur wurde langsamer, witterte. Da glaubte ich, eine Stimme zu hören. Schwach.
»Wer ist da? Zeig dich! Oder du bekommst es mit mir zu tun!«
Konnte das wahr sein?
Blakkur wieherte erneut und lief los. Jetzt durchbrachen flackernde Flammen die graue Düsternis vor uns. Im Schutz eines Felsbrockens, wie sie überall in dieser Gegend herumlagen, so als hätten Riesen damit gespielt, entdeckte ich die Umrisse einer Person. Wilde Hoffnung überkam mich. Kurz bevor wir das Feuer erreichten, blieb Blakkur stehen. Steif vor Kälte, schaffte ich es kaum, den einen Fuß auf die andere Seite zu heben, rutschte schließlich von dem großen Pferd und plumpste unsanft auf den Boden. Egal. Zögernd trat ich näher – und schrie auf.
»Mutter!« Ich rannte zu ihr, kniete mich vor sie.
»Spatz?«, flüsterte sie. »Wo kommst du her?«
Fast hätte ich sie nicht verstanden. Sie sah schrecklich aus. Verkrustetes Blut an der Stirn, die Kapuze halb zerrissen. Ein Bein hatte sie selbst provisorisch mit einem Ast geschient. Jetzt versuchte sie, mir über den Kopf zu streichen, schrie auf, und sank zurück. Zwei der Finger standen in einem komischen Winkel ab.
»Ich bin hier, Mutter. Wir gehen nach Hause«, flüsterte ich. »Steh auf! Blakkur ist da, er trägt uns beide.«
»Nein, Kleines. Mein Bein ist gebrochen. Ich geh so schnell nirgends mehr hin. Verfluchtes Drecksvieh«, sie spuckte zur Seite. Erst jetzt fiel mir der scheußliche Geruch auf. Ein toter Troll lag unweit des Feuers.
Blakkur wieherte nervös. Wieder glaubte ich, das Heulen von Wölfen zu hören.
»Ich bin hier bei dir. Ich helfe dir«, wagte ich einen neuen Vorstoß.
»Warum bist du gekommen?«, flüsterte sie, Tränen kullerten über die Wangen. »Du sollst leben, hörst du!«
»Wir schaffen das!«, bestimmte ich. »Deine Satteltasche ist hier. Da ist deine Schlafrolle, wir können uns zudecken.«
»Stimmt«, sie versuchte, sich weiter aufzurichten und sank wimmernd zurück.
»Warte«, eilig half ich ihr, sich aufzusetzen.
Danach lockte ich Blakkur an, und schaffte es, mit klammen Fingern den Sattelgurt zu lösen. Mit einem lauten Knall landete der Sattel am Boden. Statt einer Schelte lächelte sie mich an.
»Ich dachte, ich seh dich nicht mehr wieder«, wisperte sie.
Mit bebenden Fingern befreite ich den Wasserschlauch aus der Satteltasche. Als ich ihn ihr reichte, fühlte er sich halb gefroren an. Dennoch trank sie erleichtert. Trotz ihrer Proteste suchte ich in unmittelbarer Nähe nach den letzten dürren Ästchen und Zweigen und schürte das Feuer. Ohne diese Wärme wären wir erledigt. Mutter schlief immer wieder ein, erwachte zitternd, murmelte unverständliches Zeug. Sicher hatte sie Hunger. Fieberhaft durchsuchte ich die Satteltasche nach Vorräten. Zwei Stücke alten Brotes kamen zum Vorschein und etwas Speck. Beides schnitt ich klein, meine Hände bebend vor Kälte.
»Mutter, du musst was essen«, ich stupste sie an, hielt ihr das Brotstückchen an die schrundigen Lippen.
»Danke, Spatz«, sie kaute mühevoll, trank Wasser nach.
Es war nicht viel, was ich ihr gab. Würde es für die Nacht reichen?
In diesen Augenblick hörte ich Svens Worte in meinem Kopf.
Die Nächte sind so lang, dass du denkst, es wird nie wieder hell.
War heute eine jener Nächte, in denen die Wilde Jagd unterwegs war? Nein, nicht darüber grübeln! Lieber breitete ich die Schlafrolle über Mutter aus, schlüpfte selbst darunter und kuschelte mich so nah wie möglich an sie. Zu meiner Freude legte sie den gesunden Arm um meine Schulter.
»Hör mir zu, Kleines. Das Mistvieh hat mich arg erwischt, und ich bin schon so ausgekühlt. Ich darf nicht mehr schlafen. Denn sonst …«
»Sonst holt dich die Große Banshee?«, wisperte ich.
»So was in der Art«, gab sie leise zurück.
Nur einen Atemzug später schlossen sich ihre Lider erneut.
»Mutter, nein. Hör zu, ich erzähl dir von Master Brack. Weißt du, wie viele neue Runen ich gelernt hab?«
»Hm, schön, Kleines. Verrat es mir morgen ja? Wenn wir in die Schenke gehen, warmen Brei essen …«, ihre Stimme entschwand.
Panik stieg in mir hoch. Nein! Das durfte nicht sein. Unwillkürlich rüttelte ich an ihrem Arm und sie schrie auf.
»Das tut weh!«
»Verzeih mir, ich wusste es nicht!«, bat ich.
»Ja, natürlich, es ist nur, ich bin so müde … der Weg war so lang.«
»Bitte, bleib bei mir!«, flehte ich. »Ich erzähl dir vom fetten Sven, er hat eine neue Freundin!«
Das war ein beliebtes Thema bei Mutter, Mira und ihren Freundinnen. Auch jetzt lächelte sie schwach.
»Welches Weibsbild ist so blöd, sich zu dem in die Bettstatt zu legen?«, murmelte sie. Zu meiner Freude öffnete sie sogar ein wenig die Augen.
»Sie heißt Irman, sagt Mira und sie hat’s faustdick hinter den Ohren«, zitierte ich Mutters Freundin.
»Hm.« Der gesunde Arm, den sie um mich gelegt hatte, rutschte von meinen Schultern. Sie reagierte nicht.
In diesem Moment hörte ich sie.
Ein Lärm wie von einem riesigen Heer. Angeführt von Arwon und den Cenwen, den wilden Hunden aus der Anderswelt.
Beinahe glaubte ich, Sven neben mir sitzen zu haben, so klar vernahm ich jedes Wort in meinem Kopf.
Ja, da heulten Hunde. Außerdem trug der Wind Schreie zu mir und ein schreckliches Ächzen und Stöhnen.
Meine Hände, die eben erst wieder warm geworden waren, verloren jegliches Gefühl. Mein Herzschlag hämmerte in meinen Ohren. Viel zu laut. Was sollte ich tun? Mutter war dem Geisterzug wehrlos ausgeliefert. Sie holten sogar die Schlafenden, hatte ich gehört.
Furcht schnürte mir die Kehle zu.
Da! Zwischen den Bäumen glaubte ich, schnelle Schatten auf vier Beinen zu sehen. Das mussten die Hunde aus der Anderswelt sein! Arwon war sicher nicht mehr weit entfernt! Martynas wollte ich auf gar keinem Fall begegnen.
Ich musste handeln. Flucht kam jedoch nicht in Frage. Nie im Leben würde ich Mutter dem Geisterzug überlassen.
Erneut durchbohrte schreckliches Quietschen und Ächzen die eisige Dunkelheit. Eifriges Bellen folgte. Ja, ja bellt nur! Auch wenn meine Hände zitterten, schlug ich die Schlafrolle ein wenig zurück, fuhr vorsichtig an Mutters Bein entlang. Akrya konnte ich noch nicht heben. Doch der Dolch hatte mir schon mehrmals gute Dienste geleistet. Endlich fand ich die Schlaufe, fingerte an der Scheide.
Mutter wachte stöhnend auf, ein schrecklicher Schauder ließ ihren Körper erbeben.
»Was ist los, Kleines?«
»Die Wilde Jagd – sie kommen!«, rief ich.
»Was?«, sie wollte aufspringen, schrie sofort auf und sank bewusstlos in sich zusammen.
Mir war, als würde ein Riese mein Herz zerquetschen. Ein bitterer Geschmack füllte meinen Mund. Mit blieb nichts anderes übrig, ich musste stark sein – für sie und mich.
Sven hatte gesagt, man sollte fliehen. Was ich nicht konnte, also musste ich hoffen, dass sie uns nicht fanden. Und wenn doch, würde ich mich wehren – genau wie in den Gassen von Grianan Aileach.
Der Dolch lag gut in meiner Hand. Ich kauerte mich neben Mutter. Horchte.
Der Wind brachte das schreckliche Ächzen immer näher. Wieder bellten die Hunde, jetzt ganz nah.
Der Sturmwind ist ihr Gefährte, der Schnee ihre Bettdecke…
Wie auf Kommando erschütterte eine Sturmböe den Wald, Schnee wirbelte um uns herum, nahm mir die Sicht.
Rufe ertönten. Doch ich ließ mich nicht täuschen. Die Wilde Jagd würde uns nicht erwischen!
Unter Mühen stand ich auf. Zärtlich deckte ich Mutter zu, soweit ich konnte. Verließ die schützende Deckung des Felsbrockens. Sollten sie doch mich nehmen, anstatt sie.
Das Quietschen und Knarzen klang ohrenbetäubend. In welches grausame Gefährt sperrte Martynas die armen Seelen ein? Ich mochte es mir gar nicht vorstellen. Kurz stolperte ich, denn ich spürte meine Zehen nicht mehr. Egal. Wenn dies mein erster und letzter richtiger Kampf wurde, waren die Zehen mein geringstes Problem.
Abseits des Feuers, im Schatten, stellte ich mich auf, warf einen Blick zurück auf Mutter. Sie schien friedlich zu schlafen. Atmete sie noch? Der dicke Kloß hinderte mich erneut am Atmen.
Jetzt hörte ich die Rufe deutlicher. Sie riefen nach Mutter und mir. Schlau von Martynas. Aber nicht mit mir!
Für einen Augenblick legte sich der Wind. Stille trat ein. Selbst die Schneeflocken wurden weniger. Da schälte sich ein wahres Monstrum aus der Dunkelheit und hielt genau auf mich zu. Die Hörner spießten die Dunkelheit regelrecht auf, Dampf trat aus den riesigen Nüstern. Eine bleiche große Brust, in ein derbes Geschirr gezwängt, zog einen imposanten Karren.
Fackeln blendeten mich, rissen Bäume aus der Dunkelheit. Funken stoben von ihnen davon, als der Sturm seine Macht erneut zeigte.
»Esmanté! Eillis! Allen Göttern sei Dank!«
Ich blinzelte. Londo? Er war auch gefangen geworden? Ich stellte mich auf, den Dolch fest in der Hand. Da entwand mir jemand von hinten die Waffe, riss mich herum.
»Esmanté! Erkennst du mich nicht? Ich bin es, Idena!«
Mit einem Mal war mir, als würde ich erwachen.
Idena wickelte eine dicke Decke um mich. Die Wärme stach in meinen Händen. Blinzelnd blickte ich mich um. Fast alle von Mutters Freunden schälten sich aus der Dunkelheit. Einer hob, überaus vorsichtig, Mutter hoch. Sie kam zu sich, schrie gequält auf. Fluchte herzhaft.
»Wenn sie so fluchen kann, wird sie wieder. Wie geht es der Kleinen?«, fragte Mira.
»Gut, ist ein bisschen durchgefroren. Nicht wahr?« Idena legte mir meinen Umhang um, schob mir die Kapuze tief ins Gesicht.
»Ihr seid nicht die Wilde Jagd? Mann, bin ich froh!« Erleichterung überflutete mich. Ein Zittern erfasste meinen ganzen Körper.
»Wenn ich Sven das nächste Mal sehe, wird er was erleben«, hörte ich Mutter grummeln.
Was ich als Monstrum angesehen hatte, war ein Ochsengespann, das einen alten Karren zog. Dort legten sie Mutter unter wahren Bergen von Decken ab.
Sogar Blakkur ließ sich nach ein paar beruhigenden Worten von mir anleinen. Mehrere Hunde kamen angerannt. Unwillkürlich wich ich zurück. Doch da trat einer der Jäger der Königin aus dem Wald. Grüßte und pfiff nach den Hunden.
»Sie alle haben geholfen, euch zu suchen«, sagte Londo.
»Bekommen einen Humpen von mir in der Schenke«, versprach Mutter mit schwacher Stimme.
»Jetzt fahren wir erst mal heim. Für heute gab es genügend Aufregung, findet ihr nicht?«, fragte Idena in die Runde.
Man hob mich auf den Kutschbock, zwischen Londo und Mira. Dann schnalzte Londo mit der Peitsche. Unter Ächzen setzte sich das Gespann in Bewegung.
»Wird sie …«, ich schluckte, sah zu Mutter zurück, die unter den Decken kaum auszumachen war.
»Ja, ich denke, sie wird überleben.« Mira tätschelte mir die Hand. »Und das hat sie dir zu verdanken. Ihr werdet zusammen Alban Arthuan feiern, wie es sich gehört!«

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