Hallo ihr Lieben,

nachdem meine Lektorin Frau Carolin Olivares bereits sehr anschaulich über die verschiedenen Elfenvölker Tiranorgs berichtet hat, besteht Esmanté darauf, euch ihre Sicht der Dinge zu erzählen …


Viel zu schnell erreichten wir den Unterrichtsraum der Adelstöchter, hier auf der Silbernen Burg. Trotz meiner Proteste bestand Mutter darauf, dass ich am Unterricht teilnehmen sollte. Sie hatte mir ein neues Hemd und Hosen gekauft. Gestern musste ich sogar baden!

»Mach mir keine Schande«, sagte sie jetzt noch. Zu allem Überfluss strich sie mir einmal über die frisch geflochtenen Zöpfe, als wäre ich ein Kleinkind!

Nun klopfte sie an. Sofort fühlte ich, wie mein Herz zu rasen begann. Was sollte ich hier?

»Lady d`Elestre, wie schön.« Die Elfe, die vor uns stand, hatte sicher schon viele Winter vorbeiziehen sehen. Sie musterte mich von oben bis unten, so als hätte sie nie zuvor ein Mädchen von acht Jahren gesehen. Ihre Kleidung war langweilig, ein knöchellanger Rock, eine feine Bluse. Die Haare zu einem strengen Dutt hochgesteckt.

»Lady McLoyd, ich danke Euch von Herzen, dass Ihr Esmanté in den Unterricht aufnehmt.« Respektvoll grüßte meine Mutter. Gleichzeitig schob sie mich zur Tür.

»Sehr gerne, meine Liebe. Nun, dann komm einmal mit, Esmanté.«

Die Tür schloss sich, noch bevor ich mich von Mutter verabschieden konnte.

Wir betraten einen hellen Raum. Zwei Fenster ermöglichten den Blick auf die Burg und den Wasserfall. Liebend gern wäre ich zu einem der Fenster gerannt, hätte hinausgesehen. Doch in dem Raum saßen noch zehn Mädchen, in einem Halbkreis und musterten mich. Alle saßen kerzengerade, hatten die Hände im Schoß gefaltet.

»Das ist Esmanté d`Elestre. Die Familie d`Elestre stellte schon immer herausragende Kämpferinnen. Ihr Geschlecht reicht weit in die Vergangenheit zurück. Ich persönlich bin sehr glücklich, dass Lady Eillis d`Elestre sich entschlossen hat, ihre Tochter in meinen Unterricht zu geben. Bitte begrüßt sie mit mir.«

Beinahe gleichzeitig sagten alle: »Herzlich willkommen.«

Weil ich einfach nicht wusste, was ich sagen sollte, nickte ich nur.

Die Erzieherin holte einen Stuhl, auf den ich mich wohl setzen sollte. Dann begann sie mit monotoner Stimme von der Geschichte unseres Volkes zu erzählen. Es war ziemlich warm im Raum und ich bemerkte, dass ich müde wurde. Mann, es war spät geworden gestern Abend. Mutter hatte die Nachtwache von Mira übernommen, und ich hatte die günstige Chance genutzt, um in der Schenke gegen Brahma zu würfeln. Als ich mich zurücklehnte, knarrte der Stuhl unter meinem Gewicht. Sofort kicherten die Mädchen links und rechts von mir. Als Antwort schnitt ich ihnen eine Grimasse.

»Die Geschichte Cérnowias scheint dich nicht sehr zu interessieren, Esmanté« Lady McLoyd stand auf und stellte sich vor mich. Lange Finger umfassten mein Kinn, hoben es an, so dass ich ihre direkt in die Augen sehen musste.

»Gerne würde ich dich fragen, wann du gestern zu Bett gegangen bist. Aber du schläfst ja nicht bei den übrigen Mädchen, wie ich erfahren habe.«

Statt einer Antwort schnaubte ich. Das wäre ja noch schöner. Mutter hatte es gewollt und mir deshalb gestern den Schlafsaal gezeigt. Beinahe wäre ich schreiend hinausgerannt. Zehn Betten standen da in Reih und Glied. Neben jedem Bett gab es eine Truhe. Sauberes Stroh bedeckte den Boden. Alles war blitz blank aufgeräumt. Aber ich hatte mich einsam gefühlt, beinahe glaubte ich, keine Luft mehr zu bekommen. Nirgends hörte man Gelächter der Kriegerinnen, keine Witze oder Streitereien der Krieger, kein Schwertgeklirre. Nein.

»Wenn du mich hier einsperrst, renne ich wirklich weg« Gut, ich hätte nicht mit dem Fuß aufstampfen sollen. Das hasste Mutter und die Ohrfeige hatte ich mir redlich verdient.

»Nun, sehen wir, was du weißt. Stell dich dort hin!« Sie deutete auf den leeren Raum neben ihrem Stuhl. Die Wand hinter ihr bedeckte eine große Landkarte von Tiranorg.

Mir wurde etwas unbehaglich. Ich sollte vor den Mädchen stehen, damit die mich begaffen konnten wie Schlachtvieh?

»Nein, reiß dich zusammen, Esmanté!«, ermahnte ich mich selbst. Immerhin hatte ich Mutter versprochen, mich gut zu benehmen.

»Zeig keine Angst!«, höre ich Miras Rat.

Ich werde mich doch nicht von diesen Mädchen kleinkriegen lassen. Ha! Wenn die einer der Banden aus der Ratten- oder Färbergasse gegenüber stehen würden, wären sie sicher so hilflos wie ein Säugling! Dieser Gedanke stärkte mich.

Also schob ich meinen Stuhl geräuschvoll zurück und stand betont langsam auf. Dann ging ich zu Lady McLoyd, die setzte sich kerzengerade hin, der Rücken durchgedrückt.

»Sieh dir die Karte an, Kind!« Mit einem blankpolierten Stock deutete sie auf die raumhohe Landkarte. »Jetzt zeig mir, wo die Grenzen zu Gwyneddion sind.«

Das war eine leichte Aufgabe.

»Das Smaragdmeer im Süden und der Perlende Fluss im Westen bilden die Grenze zu Gwyneddion. Außerdem im Norden und Osten das Steinerne Meer. Warum es aber ‚Meer‘ heißt, weiß ich nicht, sind ja alles nur Berge.«

Wieder kicherten einige Mädchen, doch ich kümmerte mich nicht darum.

»Nun, sieh an, das interessiert dich also. Gut, was ist dort?« Der Stock deutete auf ein Gebiet ganz unten auf der Karte.

»Ist nur blödes Sumpfland, dort im Süden. Mutter sagt, der ideale Rückzugsort für die stinkenden Orks.«

»Ihh«, kam es prompt von den Zuschauerinnen.

»Aye, verkriechen sich dort. Aber so ehrenhafte Kämpfer, wie es meine Mutter und ihre Kameraden sind, die finden sie immer und erledigen sie.«

McLoyd seufzte: »Und wer regiert die Südlichen Provinzen

Meine Glückssträhne war vorbei. Solche Kleinigkeiten interessierten mich nämlich nicht. Es war völlig egal, wer auf wessen Thron saß. Mira sagte, alle Könige und Königinnen seien gleich. Sie waren teuer gekleidet, gaben Befehle, machten sich selbst nie die Hände schmutzig und wir mussten gehorchen. So war das Leben.

Deshalb stand ich nun wieder da wie ein begossener Hund. Und wusste nichts.

»Amira?«

Die Angesprochene, ein filigranes Mädchen, etwa in meinem Alter, stand auf. Genau wie McLoyd. Mit geradem Rücken, die Hände schön gefaltet, der Blick auf die Karte gerichtet.

»Zwar gehören die Südlichen Provinzen streng genommen zu Cérnowia und unterliegen der Herrschaft der Königin. Doch dort gelten von alters her andere Gesetze. Denn Cérn bedeutet doch Krieger in der alten Sprache.«, Amira deutete ein Lächeln an, das eines der anderen Mädchen zurückgab. »Die Sumpfelfen jedoch«, sie rümpfte das Näschen, »leben in schlichten Dörfern inmitten der Sümpfe. Kein richtiger Cérn kann sich solch ein Leben vorstellen. Dazu kommt, dass sie uns vorwerfen, wir hätten uns von dem natürlichen Leben entfernt. Den Anweisungen Königin Etimas wird nur sehr zögerlich Folge geleistet. Verantwortlich dafür ist die jetzige Herzogin von Dunmór, Lady Arianrhod. Sie kommt selbst aus den Sümpfen. Ihr vertrauen sie.«

Amira deutete zu allem Überfluss auch noch einen Knicks an, bevor sie sich setzte. Ich fasste es nicht.

»Gut gemacht, Amira. Du hast die Abhandlung der Historikerin Olivares gelesen, wie es scheint.«

»Nun, was mache ich nur mit dir, Esmanté?« Graue Augen, nicht einmal ärgerlich, musterten mich. »Kannst du mir vielleicht etwas über den Dreierrat sagen?«

Mein Herz machte einen Hüpfer, natürlich konnte ich das. Die Krieger sprachen immer wieder einmal über den Dreierrat, denn dort …

»Aye, Lady. Eigentlich hat die Königin, ich meine Mylady Etima das Sagen. Der Dreierrat hilft ihr nur dabei, gibt Ratschläge und so. Da ist der Kämmerer, Lord Camé, der ist für den Handel zuständig und für das Gold. Londo sagt immer, wenn der nichts mehr in der Schatzkammer findet, sieht es duster aus für die Krieger.«

Wütend drehte ich mich um, denn wieder lachten einzelne Mädchen. Zum Glück klatschte Lady McLoyd in die Hände. Sofort waren alle leise.

»Fahr fort, Kind.«

Es sollte wohl heißen, dass ich weiterreden musste. Konnte sie haben.

»Tja und dann gibt es noch Lord Sorretan, der Oberbefehlshaber nach der Königin. Denkt sich immer neue Schachzüge, Finten und Angriffspläne aus, gar nicht mal so schlecht, meint Mutter jedenfalls. Und dann Meister Montard, der Seneschall. Er bildet die Krieger aus, führt die Sternenwache. Mira sagt immer, er hält alles am Laufen. Er bestimmt, wer in die Wache kommt und wer von der Burg fliegt. Also immer schon bedeckt halten. Am besten man läuft ihm nicht über den Weg, vor allem wenn man vorher in der Schenke war oder so was …« Lady McLoyd starrte mich an.

»Also, nicht, dass ich schon jemals dort gewesen wäre oder auch nur einen Schluck Bier oder so was getrunken hätte, bei Scathachs Hintern, nicht!«

Die Mädchen prusteten los, beinahe glaubte ich, auch im Gesicht der Erzieherin so etwas wie Heiterkeit gesehen zu haben.

»Nun, ein bisschen Bildung ist also vorhanden. Wenn auch rudimentär.« Die Erzieherin notierte sich etwas auf ein teuer aussehendes Stück Pergament. Was hatte der olle Gedichteschreiber vom Markt gesagt? Ein Zoll Pergament war so viel wert wie eine große Wurst? Apropos Wurst – ich hatte Hunger. Aßen diese Mädchen denn nie etwas?

»Esmanté! Hörst du nicht zu?«

Mist! Lady McLoyd hatte etwas gesagt und ich hatte nicht zugehört!

»Wie sieht es mit den Göttern aus? Kennst du welche?«, wiederholte sie die Frage.

Hinter mir hörte ich Wispern. Verspotteten sie mich schon wieder? Aus den Augenwinkeln sah ich jedoch das Mädchen neben mir, wie sie die Worte Große Mutter formte. Bei den Nornen, das wusste sogar ich.

»Ja, da gibt es natürlich die Große Mutter, unser aller Trost und Schutz. Die Banshee bringt die Seelen der Verstorbenen in die Anderswelt. Du hast keine Chance mehr, wenn du die große Banshee singen hörst, sagt Londo jedenfalls.«

Lady McLoyd schwieg, also fuhr ich fort: »Aye und dann ist da natürlich Scathach. Es gibt keine bessere Göttin als sie. Unter ihrem Schutz kann dir nix passieren, sogar Mutter hält vor ihrer Statue an und hat immer was für die Raben, die Lieblinge von Scathach, dabei. Und Mutter fürchtet sonst nichts und niemanden. Scathach hilft uns, sie ist immer für unsere Sorgen da. Ehre und Pflicht! Wenn man sich daran hält, kann dir nichts passieren. Am Ende deines Lebens darfst du in ihrer Halle speisen, an ihrer Tafel trinken und ihr aufwarten, wenn man ganz viel Glück hat. Dafür lohnt es sich zu leben, dafür lohnt es sich zu kämpfen. Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld!«

War ich wirklich so laut geworden? Erst jetzt, als ich nach Atem rang, fiel mir auf, wie still es geworden war.

Auch Lady McLoyd starrte mich an. Dann wiegte sie den Kopf. »Bei allen Göttern, wenigstens etwas hast du bei den Kriegern gelernt.«

One thought on “Tiranorgs Völker – Cérnowia

  1. Diese Episode aus Tiranorg gefällt mir sehr gut, aber das ist ja kein Wunder. Als Judith M. Brivulets Lektorin bin ich oft und gerne in Tiranorg unterwegs. Mit Esmanté verbindet mich eine, sagen wir mal, äußerst dynamische Beziehung. Das mit der „Historikerin“ geht mir runter wie Öl.

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