Hattet ihr schon einmal Geheimnisse vor einem waschechten Wikinger? Nein? Nun, ich kann euch sagen, das ist wirklich nicht spaßig.

Aber von vorne. Aus Gründen, die weder Thor noch ein anderer Gott des Nordens kennt, sieht Leif, meine Muse, in mir ein weiteres Mitglied seines weitläufigen Clans. Nicht gerade Zweit- oder Drittfrau (allen Himmeln sei Dank), auch keine der Frauen, die er in manchen Tavernen auf den Orkneys trifft. Mehr wie eine entfernte Cousine, der man ab und zu einen Besuch abstatten muss, weil – ja, weil sie alleine ihr Leben nicht in den Griff bekommt. Wenigstens aus seiner Sicht. Eines Abends war es wieder einmal so weit. Ich sitze gemütlich am Balkon – wenn ihr es nicht weitersagt, gestehe ich, dass die Flasche Weißwein beinahe leer war – da poltert er die Treppe herauf. Bevor ich aufspringen und ihm etwas zu essen herrichten kann – was meistens seine Laune schlagartig bessert – baut er sich vor mir auf und herrscht mich an: »Sag, dass das nicht wahr ist!«, sein ausgestreckter Zeigefinger sticht durch die Luft, nur Millimeter von meiner Brust entfernt. Bei jeder Bewegung klimpert das Wehrgehänge. Interessiert betrachte ich den Gürtel, an dem etwa zwölf kurze Lederbänder befestigt waren, die in silbernen Riemenzungen endeten. Sicher hatte er heute noch eine Verabredung und wollte die Auserwählte beeindrucken.

Jetzt fällt mir auf, dass er mich immer noch anfunkelt und auf eine Antwort wartet. Weil ich gar nicht weiß, was ich wieder angestellt haben soll, zucke ich nur mit den Schultern. Was im Übrigen immer eine gute Idee ist, wenn man schon mehr als ein Glas Wein getrunken hat.

»Du leugnest es also auch gar nicht!«

Der Blick, den er mir gönnt, könnte nicht vernichtender sein.

»Setz dich erst mal«, versuche ich es und schiebe ihm den Stuhl hin.

»Nein, zuerst klären wird das!«, er stampft mit dem Fuß auf und für einen Augenblick fürchte ich, der Balkon hält das nicht aus.

Schon öfter habe ich mich an dieser Stelle darüber beklagt, dass ich einen Wikinger als Muse abgekriegt habe. Wo sind all die niedlichen Feen hin?

»Worum geht es genau?«, wage ich einen Vorstoß.

Seine buschigen Augenbrauen furchen sich. Die im Bart eingeflochtenen Amulette klirren. Es sind tatsächlich Neue hinzugekommen. Bevor ich ihn danach fragen kann, herrscht er mich an.

»Du wirst nicht fertig!«

Es fühlt sich an, als hätte er seine Axt auf mich heruntersausen lassen.

Der Augenblick, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe, ist also da. Er hat es herausgefunden. Wie genau, entzieht sich meiner Kenntnis.

Worum es geht? Nun dann muss ich Farbe bekennen: Ja, es ist richtig. Mit dem 3. Band ist die Geschichte von »Tiranorg« nicht fertig erzählt. Punkt. Aus. Jetzt ist es offiziell.

Es wird einen 4. Teil geben!

»Was heißt hier fertig? Natürlich werde ich fertig«, verteidige ich mich. »Der 3. Band wird bereits lektoriert. Spätestens im Herbst kann ich ihn veröffentlichen. Was ist so schlimm daran?« Ich klimpere mit den Wimpern. Bei den meisten weiblichen Protagonistinnen in meinen Romanen funktioniert das immer.

Nicht so bei Leif. Schnaubend setzt er sich, nimmt er das Weinglas und trinkt es in einem Zug leer. Er betrachtet den Teller mit den Käseschnittchen und die Schüssel mit den Crackern. Wie gesagt, ab und zu darf auch eine Autorin feiern.

»Und die Wölfe? Denkst du gar nicht mehr an sie?«, herrscht er mich an, bevor er nach dem Käsebrot greift. Weil Sommer ist, trägt er allen Göttern sei Dank, das stinkende Wams nicht, sondern nur ein dünnes Leinenhemd. Wie immer trägt er ein dunkles Lederband um den Hals, an dem ein silberner stilisierter Hammer hängt. Der Anhänger hebt und senkt sich im Rhythmus seines Atems. Jetzt sieht er sich um. Die Aussicht ist herrlich. Meine niederbayerische Heimat zeigt sich von ihrer besten Seite.

»Natürlich denke ich an sie. Und ich hab auch schon was geschrieben. Aber was kann ich dafür, dass die Geschichte um die Völker in Tiranorg einfach zu kompliziert ist! Ich hab mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber es hilft nicht. Da gibt es noch so viel zu erzählen. Glaubst du, die Arsuri lassen sich so mir nichts dir nichts zurückdrängen?«, verteidige ich mich.

»Ha! Zurückdrängen! Du musst sie fertig machen. Nach allem, was sie getan haben! Allein die Sache in Gwyneddion! Nicht zu fassen!«, er schlägt sich auf den Schenkel. »Und die Meerelfen? Was ist bei denen los?«

»Was soll mit ihnen sein? Dorrell hat sie fest im Griff, außer …«, lasse ich den Satz absichtlich unvollendet. Zu meiner Enttäuschung fragt er nicht nach.

»Hm, du brauchst Hilfe, so viel ist klar«, brummt er stattdessen.

»Esmanté und Loglard haben neue Freunde gefunden, du kennst den 3. Band doch schon«, wende ich ein.

»Das wird nicht reichen«, nachdenklich streicht er über den geflochtenen Bart. »Bloß gut, dass ich dir was mitgebracht habe.« Er deutet nach hinten. Dort steht eine ausladende dunkelbraune Kiste mit eisernem Beschlag. »Wird Zeit, dass du die großen Geschütze auffahren lässt! Dieser lausigen Bande von Schwarzmagiern muss man das Handwerk legen – ein für alle Mal!«

Die Weinflasche ist leer. Die Käseplatte ebenfalls. Die letzten Cracker stopft er sich beim Aufstehen in den Mund.

»Und jetzt: Hör auf zu saufen und schreib! Wenn es wirklich sein muss, dann halt am vierten Band. Bei den Göttern, wenn du mich nicht hättest, ginge alles den Bach hinunter«, kopfschüttelnd stapft er von dannen und verschwindet in der Nacht.

Warum kann ich nicht auch eine niedliche, sanfte Fee als Muse haben? Seufzend stehe ich auf und öffne die Kiste …

 

So, ich hoffe, euch hat die kurze Geschichte gefallen? Dann schreibt mir! Was haltet ihr davon, einen vierten Band zu »Tiranorg« zu lesen 🙂

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