Unterstützung aus der anderen Welt

Unterstützung aus der anderen Welt

Lautes Poltern auf der Treppe. Mit Schwung wird die Tür aufgerissen. Leif keucht und ruft: »Wir müssen verschwinden! Sofort! Sie kommt!«

Vor Schreck fällt mir der Stift aus der Hand.

»Wer kommt?«

»Die Hexe!« Mit seinen schweren Fellstiefeln stürmt er zum Fenster, schiebt den Vorhang ein klein wenig beiseite, lugt nach unten.

»Bei Thor! Jetzt hat sie mich gesehen! Kann sie mich von dort unten verzaubern?«, panisch sieht er an sich herunter.

Kurz darauf öffnet sich die Tür. Katharina Lewkowja, Mutterhexe des Arberzirkels, betritt, den Raum. Prüfend schweift ihr Blick aus türkisen Augen über das, was ich gerne als »creatives Chaos« bezeichne. Sie rümpft die aristokratische Nase.

»Sei gegrüßt, Wikinger. Es ist lange her, dass ich einem aus deinem Volk begegnet bin.«

»Äh«, Leif räuspert sich. Dann neigt er kurz den Kopf. »Sei gegrüßt, Zauberin. Entschuldige, aber ich habe zu tun.«

Eilig hält er auf die Tür zu.

»Pass auf dich auf«, murmelt er mir halblaut zu. Dann verschwindet er. Na danke, warum ist er nicht zur Verstärkung hiergeblieben?

»Grüß dich Judith, hast du Zeit für mich?« Sanft klingt ihre Stimme, so als wäre sie eine harmlose Fee. (Irina verzeih mir …)

»Katharina, es ist schön, dich zu sehen. Bitte, setz dich.«

Hektisch räume ich den Stuhl ab. Amüsiert betrachtet Katharina die Bücher über Hexenmedizin, Kräuterzauber und nordische Mythen, die ich auf der Couch staple. Sie zieht den Kaschmirmantel aus, sieht sich suchend um. Also nehme ich ihr den Mantel ab und lege ihn über die Couchlehne. Heute trägt die Mutterhexe einen cremefarbenen Hosenanzug, der ihre große, schlanke Gestalt betont. Ein kaum wahrnehmbarer Geruch nach Kräutern breitet sich im Zimmer aus.

»Ich hatte mir deine Wohnung anders vorgestellt, aber was soll’s.« Sie hebt die schmalen Schultern. Elegant lässt sie sich auf dem Stuhl nieder.

»Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?« Allmählich werde ich nervös. Denn vor mir sitzt niemand geringerer als die mächtigste Hexe Europas.

»Nein, danke.« Aus dem Nichts erscheint vor ihr geschliffenes Glas, halb gefüllt mit einer honigbraunen Flüssigkeit. Katharina liebt Scotch, fällt mir ein.

Sie nippt daran.

»Darf ich fragen, warum du gekommen bist?«, wage ich mich vor.

»Du hast versprochen, dass wir Hexen unseren eigenen Blogbeitrag bekommen. Es ist schon einige Zeit vergangen und ich wollte nur sichergehen, dass du den Beitrag nicht vergisst.« Mit einem feinen Lächeln greift Katharina nach dem tropfenförmigen, nachtschwarzen Anhänger, der an einem unscheinbaren Lederband um ihren Hals hängt. In diesem Schmuckstück war ein Auge aus rotem Stein eingelegt, dessen Lid momentan geschlossen war.

Unwillkürlich zucke ich zurück. Weiß ich doch am allerbesten, welche magische Macht diesem Stein innewohnt.

»Natürlich. Ich hab auch schon angefangen ….«, vage deute ich auf den Computer und hoffe, sie erkennt die Lüge nicht.

»Gut« Ihrem Gesicht ist nicht anzusehen, ob sie meine Ausreden durchschaut. »Dann schadet es sicher nicht, wenn ich dir ein wenig auf die Sprünge helfe.« Sie schlägt ein Bein über das andere, hält entspannt das Glas in der Hand. Aber ich unterschätze Katharina auf keinen Fall. Um mich abzulenken, greife ich nach Block und Stift.

Zustimmend nickt sie: »Ich kann den neuen Medien ebenfalls nicht viel abgewinnen. Ich bin der Göttin dankbar, dass sie mir Radka geschickt hat. Sie ist die perfekte Vertraute.«

Sofort ist mir klar, dass sie von Radka Romanow spricht. Der zweitmächtigsten Hexe im Zirkel und Katharina treu ergeben. Eine erfolgreiche Anwältin, die die Interessen der Hexen schützt.

»War Radka schon bei dir, als du Budweis verlassen musstest?«, erkundige ich mich.

»Ach, an diese Zeit mag ich gar nicht mehr denken!«, fährt Katharina hoch. Ihre ohnehin schmale Lippen sind zu einem Strich zusammen gepresst. Sie ballt die Fäuste, senkt für einen Augenblick den Kopf und schüttelt ihn leicht. Eine Sekunde lang hatte ich den Eindruck, Funken würden durch ihre kurzen rotblonden Haare geistern. Schließlich strafft sie sich.

»Scarletts Bestrafung war ein himmelschreiendes Unrecht, durch nichts gerechtfertigt. Jaspar hätte nie verbannt werden dürfen. Alles, was er getan hat, hat er aus Liebe getan!«

Sofort verstehe ich, dass sie von Jaspar Kleinhard, ihrem Gefährten spricht. Wütend springt die Mutterhexe auf, tigert in meinem Arbeitszimmer auf und ab. Allmählich wird mir etwas mulmig.

»Die Alpha hatte mich in Budweis unter erbärmlichsten Umständen eingesperrt. Natürlich musste Jaspar kommen und mich befreien. So wie es jeder Liebende getan hätte.« Jetzt überzieht ein Hauch von Rot ihr blasses Gesicht. »Sie schickte uns geradewegs in die unwirtlichste Gegend, die man sich vorstellen kann!«

Wissend nicke ich, denn zu dieser Zeit war der Bayerische Wald eine undurchdringliche Wildnis.

»Wie habt ihr es geschafft, euch dort niederzulassen?«

»Pff.« Sie schickt mir einen unergründlichen Blick. »Damals war Olga noch im Zirkel. Meine Schwester ist eine wirklich gute Hexe. Aber sie versteht nicht, dass man manchmal zu etwas …«, sie sucht nach dem richtigen Wort, »… unorthodoxen Mitteln greifen muss, um zu seinem Recht zu kommen.«

Mir ist klar, dass Olga nicht mehr Teil des Zirkels ist. Gerade will ich nachfragen, wie es zu dem Zerwürfnis gekommen ist, da fährt Katharina fort: »Dafür weiß ich Marek an meiner Seite.«

Wenn ich an die speziellen Fähigkeiten und Vorliegen ihres Bruders denke, rieselt ein Eisschauder über meinen Rücken. Ein Regal voller unterschiedlich großer Puppen mit leeren Augen kommt mir in den Sinn. Sofort verdränge ich dieses gruslige Bild und konzentriere mich auf Katharina.

»Auch wenn ich Jaspar schrecklich vermisste und wir seine magische Unterstützung sehr gut hätten brauchen können, waren wir doch ein nicht gerade schwacher Hexenzirkel.« Ihre Augenbrauen heben sich. »Und wenn man in den Hexenkünsten bewandert ist, kann man sich leicht Unterstützung aus der anderen Welt holen.«

Damit meint sie Dämonen, die für sie Aufträge und Arbeiten erledigen. Aber ich weiß, dass alles seinen Preis hat. Das soll meine nächste Frage sein. Doch Katharina kommt mir zuvor.

»Brauchst du etwas Unterstützung?« Ihr spitzes Kinn deutet auf den Schreibtisch, der momentan unter der Last von Computer, Büchern, Ausdrucken und einer Unmenge an Stiften ächzt.

Bevor ich antworten kann, steht sie auf, schiebt mit dem Schuh mehrere Ordner beiseite. Schon hält sie einen altertümlich aussehenden knorrigen Zauberstab in der rechten Hand. Die Linke umfängt den Schmuckanhänger. Rezitiert sie leise Wörter? Nur Sekunden später entströmt dem Stab ein blutrotes Licht. Routiniert brennt Katharina Linien in den Holzboden. Erschrocken keuche ich auf – ein Pentagramm entsteht!

Mir wird übel. Auf keinen Fall will ich ein Hexenpentagramm im Arbeitszimmer!

»Halt! Nein – ich brauche keine Unterstützung von Dämonen oder sonst wem!«

»Na gut – wie du willst! Ich meine es nur gut mit dir.« Sie lässt den Anhänger los, senkt den Zauberstab. Für einen kurzen Augenblick flimmert die Luft. Danach ist der Stab verschwunden und von dem Pentagramm glücklicherweise nichts mehr zu sehen.

Voller Erleichterung sacke ich auf den Stuhl zurück. Katharina dagegen wendet sich meinem Buchregal zu. Während sie gleichzeitig die Bücher durchsieht, meint sie: »Hast du noch Fragen?  Denn ich habe noch andere Termine.«

Fieberhaft überlege ich.

»Wo hat sich Jaspar all die Jahrhunderte aufgehalten? Er durfte ja nicht zu euch zurück.«

Ihr Gesicht verschließt sich.

»Im Osten«, erwidert sie knapp. »Ich sage dir, Scarlett hat kein Herz. Wie kann man zwei Menschen, die sich lieben, für so lange Zeit trennen? Geschieht ihr recht, was passiert ist!« Energisch schiebt sie ihr Kinn nach vorne. »Die Zeit der Werwolffrauen, die sich anmaßen, über alle anderen zu herrschen, muss ein Ende finden!«

Um sie von diesem heiklen Thema abzulenken, stelle ich die nächste Frage.

»Ihr habt die Sage von der Arberhexe in Umlauf gebracht, um die Leute von eurem Gebiet fernzuhalten?«

»So ist es«, sichtlich zufrieden schlendert sie zu mir zurück. »Schließlich lebten wir im 17. Jahrhundert. Es dauerte einige Zeit, bis wir das Haus errichtet und mit den nötigen Schutzzaubern belegt hatten. Bis dahin mussten wir dafür sorgen, dass die wenigen Menschen, die dort ihr elendes Leben fristeten, fernblieben.« Stolz lehnt sie sich gegen den Schreibtisch, verschränkt die Arme und sieht auf mich herunter. »Der Arber als höchster Berg des bayerischen Waldes war seit jeher ein heiliger Berg. Schon die Kelten sollen damals dort einer Gottheit gehuldigt haben. Mit dem Christentum wurde der Berg aber verteufelt und das machten wir uns zunutze.« Unschuldig blinzelt sie mich an. »Eine böse Hexe, die Wanderer überfällt, sie zerkratzt und beißt … harmlos, aber wirkungsvoll.«

»Das stimmt, soweit ich weiß, wurde der Berg bis ins 19. Jahrhundert gemieden.«

»Genau. Ich denke, du hast nun alles, was du brauchst, um deinen Blog über uns Hexen zu schreiben. Lass uns nicht wieder so schlecht dastehen! Denk daran, alles geschah aus Liebe.«

Katharina greift nach ihrem Kaschmirmantel.

»Ich werde es versuchen«, gestehe ich ihr zu.

»Also auf Wiedersehen! Und sag deinem Wikinger, er kann wieder heimkommen. Ich werde ihm nichts tun, wusste gar nicht, dass er so abergläubisch ist.« Lachend verlässt Katharina Lewkowja die Wohnung.

Sobald die Tür ins Schloss fällt, renne ich zurück und versichere mich, dass kein Pentagramm meinen Boden ziert. Interessanterweise ist auch das Glas verschwunden. Erst jetzt atme ich auf. Vielleicht hat Leif ja recht. Hexen – man kann ihnen nicht trauen!

So, nun habt ihr einen kleinen Einblick in die Welt der Arberhexen erhalten. Was denkt ihr? Wärt ihr selbst gern Mitglied im Hexenzirkel? Schreibt mir, ich freue mich darauf.

Landscape at the small Arbersee in Bavaria
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