Stürmischer Besuch

Stürmischer Besuch

Der Wind heult ums Haus. Der Orkan sucht Niederbayern heim. Entspannt sitze ich vor dem Computer und arbeite, froh, es hier warm und gemütlich zu haben. Plötzlich schrecke ich hoch. Schwere Schritte poltern die Treppe herauf. Leif reißt die Türe auf. Für mich sieht es aus, als wäre er mit dem Wind um die Wette geflogen. Ein paar welke Blätter fliegen um ihn herum. Der Windstoß fegt durch die Unterlagen auf dem Schreibtisch. Fesch ist meine Wikinger Muse heute. Denn er trägt eine feste dunkelbraune Wollhose, ein karmesinrotes Leinenhemd reicht ihm über die Oberschenkel. Was ich nur sehe, weil sein weiter dunkelgrüner Mantel sich mit dem letzten Windstoß aufbauscht. Am Gürtel hängen heute keine Waffen, sondern sicher fünf Beutel mit aufgestickten geheimnisvollen Zeichen. Scheppernd schließt die Tür.

Jetzt zieht er die tropfnasse beige Gugel über den Kopf und lässt sie ungerührt zu Boden fallen. Gleichzeitig tropft es stetig vom goldenen Saum seines Mantels.

»Ich brauche ein Lamm. Sofort!«

Vor Schreck wäre ich fast vom Schreibtischstuhl gefallen. Seine Stimme klingt so herrisch, dass ich mir wie eine arme Bäuerin vorkomme, die ihrem Lehnsherren den Zehnten schuldig ist. Mit zwei langen Schritten ist er bei mir und postiert sich so, als würde das jüngste Gericht anstehen. In seinen hellblauen Augen tobt mindestens so ein Sturm wie draußen. Auffordernd heben sich seine kräftigen Augenbrauen.

Was will er von mir?

Habe ich mich verhört? Fordert er etwa kein Lamm, sondern einen Kamm? Angesichts der sauber geflochtenen, und im Übrigen trockenen, Zöpfe eher unwahrscheinlich.

»Zuerst einmal herzlich willkommen in meiner bescheidenen Hütte, Leif von Gota. Was ist dein Begehr?«

Innerlich beglückwünsche ich mich zu dieser historisch passenden Begrüßung und meinem subtilen Humor. Aber bei Leif wirkt es nicht. Seine Lippen heben sich kein bisschen. Vielmehr öffnet er die silberne Spange, die seinen tropfnassen Mantel hält. Dieser landet – ihr werdet es sicher erraten – ebenfalls neben der Gugel. Sind die Stiefel aus Seehundsfell?

Der Geruch nach feuchtem Fell und kalter Nässe breitet sich aus.

Zu allem Überfluss mustert er das Zimmer – als ob er es nicht schon oft genug hier gesehen hätte …

»Zur Not reichen auch zwei fette Karpfen, oder ein Hase. Richtig! Ein Hase wäre sehr gut. Und Wein. Mindestens zwei Flaschen! Und Brot. Natürlich frisch gebacken.«

Jetzt wird‘s mir zu bunt. Betont ruhig stehe ich auf und führe ihn in die Küche, öffne den Kühlschrank und deute hinein: »Das ist alles, was ich habe. Bitte bedien dich. Die Gastfreundschaft ist mir heilig.«

Sprachlos sieht er mich an, seine Stirn gefurcht.

Das nutze ich aus: »Wozu bei allen Göttern brauchst du Hasen, Lämmer und Wein?«

Leif schüttelt den Kopf, die in den Zöpfen eingeflochtenen Ringe klirren leise: »Du weißt aber auch gar nichts!«

Da er wohl eingesehen hat, dass ich keine seiner Bäuerinnen bin, die ihm auf Kommando lebende Tiere bringt, schnappt er sich einen Stuhl und lässt sich darauf fallen.

Ungefragt schenke ich ein Glas Wein ein und reiche es ihm. Etwas besänftigt nimmt er es und trinkt. Ignoriert eine Weile meinen fragenden Blick. Schließlich weiht er mich mit überheblicher Miene in das Geheimnis ein:

»Wenn wichtige Ereignisse anstehen, muss man den Göttern opfern. Das weiß doch jedes Kind. Götter sind launisch. Thor besonders. Je wertvoller das Opfer, um so gnädiger gestimmt ist er.«

»Also willst du auf Fahrt gehen – Viking und so …« Jetzt verstehe ich.

»Wenn du es so nennen willst. Obwohl mir das Wort nicht gefällt«, brummt er. »Gunnar hat mich gefragt, ob ich mitkomme. Auch wenn es noch früh im Jahr ist. Wahrscheinlich, weil mein Langschiff ›Drachenbraut‹ sicher größer und schneller ist als seins!« Er schlägt sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und lacht laut. »Ha! Keine Ahnung, wie viel Humpen Met er intus hatte, als er seine Schute ›Sturmjammer‹ nannte.«

Etwas flau wird mir im Magen, wenn ich daran denke, dass Leif einige Zeit nicht mehr vorbeikommt. Gerade jetzt …

»Wie lange wirst du weg sein?« Aus irgendeinem Grund klingt meine Stimme piepsig.

»Hm, keine Ahnung, wir wollen nach Westen. Wie lange wir unterwegs sind, wissen nur die Götter. Deshalb ist das Opfer auch so wichtig, verstehst du jetzt?«

»Klar. Aber ich meine, solange Citywolf III im Lektorat ist, hab ich ja Zeit, an einer neuen Story zu basteln und ich dachte …« Ich muss schlucken, ein großer Kloß ist in meinem Hals. »… also ich dachte, du hilfst mir ein bisschen.«

»Keine Sorge!« Leif steht auf, tätschelt mir gönnerhaft die Schulter. »Für die Geschichte, die du planst, brauchst du meine Hilfe nicht. Und danach bin ich wieder für dich da. Versprochen!«

Noch bevor ich etwas erwidern kann, hebt er den Mantel und die Gugel auf und stürmt hinaus. In die Stille, die sich in der Wohnung ausbreitet, höre ich sein Pferd wiehern. Oder hab ich mir das nur eingebildet?

So, ihr Lieben. Ich hoffe, diese Geschichte hat euch gefallen. Was sagt ihr dazu? Leif lässt mich mit dem neuen Projekt allein. Deshalb sind eure Kommentare und Anregungen jetzt besonders wichtig für mich. Schreibt mir! Ich freue mich darauf.

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SanNit
6 Monate zuvor

Du schaffst das auch ohne ihn 🙂

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